CSG am Bodensee Brachenreuthe Startseite

Erfahrungsberichte von ehemaligen Praktikanten oder Waldorfschülern

Jedesmal als ich einem Behinderten begegnete, war ich wie geniert. Meine Augen blickten zur Seite und ich tat, als ob ich nichts gesehen hatte. Ich dachte nämlich, dass sie sich schämten.


Mein nachhaltigster und intensivster Eindruck des gesamten Praktikums ist die Verschiedenheit der Kinder. Nirgends habe ich so eigene Charaktere angetroffen wie hier. Das Besondere dieser behinderten Kinder war einfach, dass sie ganz sie selbst waren. Mir wurde klar, dass sie sich nicht in irgendeine Norm hineinpressen lassen, sich nicht irgendwelchen vorgegebenen Systemen beugen - vielleicht weil sie es gar nicht können - wie auch immer haben sie mich durch ihre Individualität nicht nur beeindruckt, sondern auch aufmerksam gemacht auf den Massenkonformismus und auf die Gefahr, dass sich das Individuum jedes einzelnen in einer einzigen Gußform verliert.


Nach einiger Zeit gewöhnte ich mich an die neue Umgebung, und die größte freudige Überraschung für mich war, dass ich die Kinder nicht mehr als ‘behindert’ empfand, so selbstverständlich und natürlich wurde dort mit ihnen umgegangen. Einige Klassenkameraden von mir, die ihr Praktikum in staatlichen Behinderteneinrichtungen machten, berichteten, dass die Kinder dort ihr ‘Anderssein’ sehr stark erlebten und teilweise sehr darunter litten. Diese Erfahrung machte ich in Brachenreuthe nicht. Ich empfand die Kinder als sehr große Individualitäten, auf die man sich immer aufs Neue einstellen muss, von denen man aber eben sooft lernen kann, denn diese Kinder haben Gaben und Fähigkeiten, in denen sie uns weit überlegen sind.


Mir bleibt die Erinnerung eines Dorfes auf einem Hügel am Wald. Im Dorf Lächeln, Geschrei, Wörter und auch Tränen: die Laute des Lebens, eines Lebens mit einer besonderen Stimmung. Diesjenige ist ein Rhythmus, der sich in Respekt und Solidarität gemütlich und reguliert vorspielt. Solidarität des Menschen um die Nötigen besser verstehen, ehren und helfen können. Das hat mich am tiefsten beeindruckt. Das Annehmen der Behinderten als Menschenwesen.


Durch meine Erfahrung im Camphill hat sich meine Einstellung über Behinderte vollkommen geändert. Und das, ohne dass ich es bemerkte, wie eine ganz natürliche Veränderung. Am Morgen des ersten Tages kam ich mit einem Ekelgefühl an, am Abend ging ich mit der Lust zu bleiben. Als ich das bemerkte, habe ich über mich selbst gelacht. Ich habe über meine Unwissenheit gelacht. Und dieses Lachen, das war schon das Erste, das ich gelernt hatte.


Ohne dieses Praktikum würde meine Einstellung über Behinderte sicher ein Ekel der Unwissenheit sein. Es hat mir geholfen, eine Tür zu einer erstaunlichen Empfindlichkeitswelt zu öffnen. Eine Tür zum Menschen.
Seitdem habe ich keinen Kontakt zu Behinderten gehabt. Aber dieses Praktikum war sicher ein Samen in mir, der mir geholfen hat, neue Beziehungen mit Menschen zu haben. Und wenn ich auf meinem Weg Behinderten begegne, werde ich ihnen mit Freude helfen, wie ich allen helfen möchte, weil wir Menschen sind, und weil jeder kleine oder große Probleme hat.

zum Seitenanfang        Links        Impressum        Kontakt        Startseite        © Brachenreuthe 2011 – 2016   [Stand: 2016-10-29]