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Erläuterungen zum Begriff ,Seelenpflege-bedürftig’

Der Begriff entspringt aus der Anthroposophie von Dr. Rudolf Steiner (1861-1925). Er stellt einen soziokulturell bedeutsamen Versuch dar, verschiedenste Formen von ‚Behinderung‘ oder ‚Entwicklungsstörung‘ unter einer Bezeichnung zu fassen, welche nicht selektierenden, bzw. etikettierenden Charakter haben soll.

Im Jahr 1924 waren drei angehende Erzieher aus Jena (Siegfried Pickert, Albrecht Strohschein und Franz Löffler) an Steiner herangetreten mit der Bitte, aus dessen Welt- und Menschenverständnis heraus Anregungen zu geben für die Praxis heilpädagogischer Förderung von jungen Menschen mit verschiedenen Behinderungsformen. Im Sommer desselben Jahres wurde aufgrund dieser Bitte am Goetheanum in Dornach (Schweiz) der sogenannte „Heilpädagogische Kurs“ abgehalten, zu welchem neben den genannten Persönlichkeiten auch etliche Mediziner/-innen, Waldorf-Pädagogen und Krankenschwestern stießen. Im Vorfeld dieser Zusammenkunft war bereits die Frage nach einem Namen für die Einrichtung auf dem Lauenstein bei Jena aufgetaucht, die nach den neuen Leitlinien arbeiten sollte. Steiner führte hierzu aus: „Es muss schon aus dem Titel ersichtlich sein, was dort geschieht: Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder [...] Wir müssen schon einen Namen wählen, der die Kinder nicht gleich abstempelt“ (zit. nach Selg 2004, S. 44; Hervorheb. J. G.). Aus diesem Impuls heraus entwickelte sich eine weltweite Bewegung, welche inzwischen mehrere hundert Einrichtungen umfasst, in denen behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen, arbeiten und leben.

Die Bezeichnung „Seelenpflege-bedürftig“ orientiert sich im Gegensatz zu anderen nicht am Kriterium der Abweichung von ohnehin relativ kontextabhängigen Maßstäben irgendwelcher Form von ‚Normalität‘; im Gegenteil stellt sie das individuelle und einzigartige Moment jedes Menschen in den Vordergrund. Daher handelt es sich keineswegs um einen bloß euphemistischen Terminus, sondern um eine Zugangsweise, welche den Menschen als Einheit von Leib, Seele und Geist zu begreifen versucht, wobei „Geist“ hier nicht ausschließlich mit kognitivem Vermögen gleichzusetzen ist. Die Seele im Sinne des mittleren und verbindenden Elements zwischen Physis und Selbst des Menschen als „pflegebedürftig“ anzuschauen, kann bei näherer Betrachtung zum Erlebnis führen, dass auch der scheinbar nichtbehinderte Mensch durchaus psychische Aspekte besitzt, welche regelmäßiger Zuwendung und Pflege bedürfen, sollen nicht schwerwiegenden Folgen für sein Kohärenzgefühl entstehen. Diese Erkenntnis hat die moderne Salutogenese-Forschung der Gegenwart inzwischen herausgearbeitet und bestätigt.

Der Erziehungswissenschaftler E. E. Kobi formuliert: „In der sekulären Philosophie und Anthropologie enthält meiner Einschätzung nach einzig die Anthroposophie von Rudolf Steiner und seiner Nachfolger/-innen eine nicht nur abgeleitet komplementäre, sozialmoralische, sondern eine existentielle, prinzipielle und integrale pädagogische Thematisierung und Sinnperspektive des behinderten (‚seelenpflegebedürftigen‘) Kindes, die konsequent auch in die Tat und nicht nur in Phraseologie umgesetzt wurde“ (Kobi 1993; S. 264).

Dr. paed. Julius Gfröreis

Literaturauswahl zum Thema

Arnim, G. von (1995): Was bedeutet Seelenpflege? Die Aufgaben der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie. Merkblätter für eine bewusste Lebensführung in Gesundheit und Krankheit Nr. 45. (7. Aufl.). Bad Liebenzell: Verein für ein erweitertes Heilwesen.

Kobi, E. E. (1993): Grundfragen der Heilpädagogik. Eine Einführung in heilpädagogisches Denken (5. Aufl.). Bern: Haupt.

Selg, P. (2004): Der Engel über dem Lauenstein. Siegfried Pickert, Ita Wegman und die Heilpädagogik. Dornach: Natura Verlag im Verlag am Goetheanum.

Steiner, R. (1995): Heilpädagogischer Kurs. Zwölf Vorträge für Heilpädagogen und Ärzte (8. Aufl.). Dornach: Rudolf Steiner Verlag.

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